Space is the Place

Medizintechnikerin Ryan Stone (Sandra Bullock) und Astronaut Matt Kowalski (George Clooney) werden während einer Reparaturmission am Hubble – Teleskop von Weltraumschrott überrascht und ins All geschleudert. Sie sind zu diesem Zeitpunkt bereits die einzigen Überlebenden des Aufpralls und versuchen über verschiedene unbemannte Weltraumstationen zurück zur Erde zu gelangen.

Regisseur und Drehbuchautor Alfonso Cuarón erzählt in einem Interview, dass die erste Idee zu einem gemeinsamen Drehbuch mit seinem Sohn und Co-Autor Jonás Cuarón das Setting zweier Figuren in einer tödlichen Umgebung war. Als erstes Bild gab es den um sich selbst drehenden, in die Leere davondriftenden Astronauten. Der zeitliche Aufwand für das Schreiben des Drehbuchs lag laut Regisseur bei nur drei Wochen. Nach einer Überarbeitung blieb es bis zum Schluss im Wesentlichen bei der ursprünglichen Geschichte. Es änderten sich laut Cuarón nur die Dialoge.

Bemerkenswerter Weise steht hier also eine dreiwöchige Schreibphase einer viereinhalb Jahre dauernden Umsetzung gegenüber. Cuarón sagt zwar im Interview, dass seiner Erfahrung nach ein Drehbuchschreibprozess entweder 3 Wochen oder 5 Jahre dauert, aber dennoch erinnert das Verhältnis zwischen technischem Aufwand und Inhalt mitunter an das Action-Spektakel Pacific Rim, das ein ähnlich krasses Verhältnis zwischen simplen Mickey Mouse-Dialogen und im wahrsten Sinne des Wortes gigantischer Ausstattung aufweist.

In diesem Zusammenhang scheint die Headline eines Artikels über Sandra Bullock auf space.com sehr passend gewählt: „Sandra Bullock gives „Gravity“ A Human Heart“, denn die von Vater und Sohn entwickelte Geschichte mutet ziemlich funktionalistisch an: eine Medizintechnikerin hat ihre 4-jährige Tochter verloren und driftet versteinert (Dr. Stone!) und antriebslos dahin. Im Moment des Aufgebens bedarf es des Charmes und des Zuspruchs von George Clooney, um sie ins Leben zurück zu stoßen, während er sich in die andere Richtung verabschiedet. Es ist nur ein Actionfilm, aber das Kalkül ist dennoch anstrengend einfach: Was ist das Schlimmste, das einer Frau (Mutter) passieren kann? Was erklärt ihre Unverbundenheit mit der Welt für alle erschöpfend? Schade, dass es psychologisch / dramaturgisch so simpel abgehen muss. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn in die Erzählung so viel Achtsamkeit und Detailliebe geflossen wären wie in die Umsetzung der Hubbleteile.

Aber abgesehen von der psychologischen Phrasendrescherei und der Aufladung mit allerlei (prä-)nataler Metaphorik ist Gravity ist ein echtes Kinoerlebnis. Die 17minütige Eröffnungssequenz ist atemberaubend und es ist absolut nachvollziehbar, wohin da Energie und Anstrengungen geflossen sind. Besonders bemerkenswert spielen Bild– und Tonebene zusammen, die Lautlosigkeit eines grenzenlosen Raumes wird durch das fehlende Ruherauschen unserer Alltagsatmosphäre drastisch vor Augen geführt. Die Übergänge zwischen dem Innenraum des beschlagenen Helmes und dem Blick auf die Protagonisten von außen ist nahtlos. In der Krümmung des Visiers ist immer auch das Bild der Erde, der Sonne und zu Beginn noch die Spiegelung des jeweils anderen eingschrieben – es ensteht ein allumfassendes Kontinuum, das uns selbst die Koordinaten verlieren lässt und uns miteinschließt. Es gibt kein Außen, keinen Schnitt, kein Entrinnen. Die Dramaturgie der ersten Plansequenz ist so genau choreografiert, dass kein Abstand zum Geschehen gelassen wird. Die Gefahr naht lautlos heran und trifft so unmittelbar ein, dass wir mitgewirbelt werden wie in einem Rüttelschüttelkino, nur um Klassen eleganter.

Alfonso Cuarón hat sich, um diese Immersion zu erzeugen, nicht nur auf die „entfesselte Kamera“ von Emmanuel Lubezki verlassen, sondern sich auch für eine 3D Produktion entschieden. Das Verwenden von 3D Technik ist für den Regisseur ein Werkzeug, das es neben anderen Techniken ermöglicht, die Zuschauer in das Geschehen einzubinden. Seine langen Einstellungen und die kontinuierlichen Kamerabewegungen kommen der 3D Technik in ihrer Entfaltung eines sinnlichen Raumeindrucks sehr entgegen. Er nahm für die Besonderheit dieser Raumwirkung in Kauf, dass die Bilder im Vergleich zu 2D Projektionen etwas an Brillanz einbüßen.

Die absolute Glaubhaftigkeit der Bilder war eine Vorgabe, die den Produktionsprozess von viereinhalb Jahren nach sich zog. Der gesamte Film wurde als Animation vorproduziert und in den Shepperton Studios in England gedreht. Auf http://www.fxguide.com/featured/gravity/ gibt es eine detaillierte Beschreibung der Dreh- und Produktionsbedingungen, die sowohl dem gesamten Planungsteam, als auch den Schauspielern offenbar extremen Einsatz abverlangten.

Zu Beginn stand – so Cuarón – eigentlich nur eine Theorie, wie man diesen Film drehen könnte. Dann stellte sich heraus, dass es die technischen Geräte nicht gab, um die geplanten Kamerabewegungen, die Lichtplanung etc. durchzuführen. Es mussten eigens Roboter gebaut werden. Neben aufwändigem Compositing und digitaler Postproduktion gab es bei Gravitiy von Anfang an einen  komplexen Gesamtablauf des ganzen Unternehmens. Pre-Vizualisierungen für die Beleuchtung und die Kamerabewegungen lösten die Grenzen der Arbeitsbereiche von Kameramann und Visual Effects Supervisor auf (Einen Eindruck des Aufwands im Visual Effects Department gibt die Scrolllänge des Mitarbeiterstabes auf imdb wieder). Eine frühzeitige Zusammenarbeit dieser Departements mit dem Regisseur war notwendig, um jene Roboter zu programmieren, die dann im Studio real Bewegungen ausführten, die in der Previsualisierung festgelegt wurden. Diese Arbeitsweise bedingt eine sehr präzise Planung und limitiert die spontanen Gestaltungswünsche beim Dreh. Beide Schauspieler erzählen, dass es nicht nur Einschränkungen gab, weil für das Spiel selbst oft nur das Gesicht zur Verfügung stand und der Rest in einem (oft digital erzeugten) Raumanzug steckt, es war auch eine extreme Herausforderung, was das Timing betraf. Für die Schauspieler gab es keinen Greenscreen, in dessen Fläche danach die Weltraumbilder eingefügt wurden, sondern sie saßen oder schwebten in einer mit LED bestückten Lightbox, die ihnen ihre momentane Lage im Film gab und gleichzeitig für die richtige Belichtung der Schauspieler sorgte.

Die Planung des Drehs dauerte über zwei Jahre, die Drehzeit wurde dann nochmals auf zwei Blöcke geteilt, um sich die Chance zu verschaffen, das Material des ersten Drehs überhaupt einmal zu rendern und zu sehen, ob adaptiert werden muss. Es verstrichen weitere 5 Monate, bis das Team (und die Produktion!) die ersten 7-8 Sekunden der ersten fertigen Bilder sehen konnten. Obwohl der Film unter Sience Fiction/Thriller eingeordnet wird, wurde großer Wert auf Akkuratesse in der Darstellung des Stands der zeitgemäßen Weltraumtechnik gelegt. Erzählt wird eine Fiktion, aber eine, die im Heute spielt. So sind die Raumstation ISS, das NASA Space Shuttle, das Hubble Teleskop, die russische Soyuz detailgenaue Repliken der Originale. Nur die chinesische Raumstation wurde für den Film in einem Stadium gezeigt, das tatsächlich erst 2016 erreicht werden wird. Der technische Realismus des Films entspricht eher einer Discovery – Doku als einer Science Fiction. Aber nicht nur die Materialität der realen Weltraumtechnik und deren Oberflächen, die Requisiten bis hin zu den Bildschirminhalten auf den PC-Monitoren wurden akribisch recherchiert und wirklichkeitsgetreu verwendet. Auch das Verhalten von Objekten und von energetischen Gegebenheiten im All und den daraus resultierenden Bewegungsmöglichkeiten in Schwerelosigkeit wurde von echten NASA-Astronauten als erstaunlich realistisch bezeichnet.

Einschränkungen und Abweichungen ergeben sich aus der Dramaturgie und diese sind Großteils nachvollziehbar. So laufen die Bewegungen der Astronauten sehr viel schneller ab, als das real der Fall wäre. Nicht der Realität entspricht etwa auch, dass das  Hubble -Teleskop und die Raumstationen in derselben Umlaufbahn kreisen oder die Deckel der Raumkapseln nach außen aufgehen, aber wie schön schlenkert Sandra Bullock da jedes Mal mit letzter Kraft einhändig am Griff, bevor sie sich nach innen ziehen kann! Auch wenn Dr. Stone sich ihres Raumanzugs entledigt gibt eine sexy Unterhose mehr an Schauwerten her als die realexistierenden Windeln.

Was ich aber etwas vergeben finde, weil es all den Aufwand davor eigentlich relativiert, ist jener Wendepunkt, wo Matt Kowalski sich von Dr. Stone abklingt, um ihr eine Überlebenschance zu geben. Gerade hier wird das schöne Spiel von Impuls und Reaktion plötzlich außer Acht gelassen. Nüchtern kalkulierter Abschiedskitsch tritt auf den Plan, der so gar nicht genuin aus dem Raum entwickelt wurde, wie dies über weite Strecken der Fall ist. Keine Kraft ist in den Seilen spürbar, die Dr. Stone noch mit der Raumstation verbinden und dennoch stürzt Kowalski davon, als fiele er in die Tiefe. Das Loslassen erweckt bei mir eher Assoziationen zu Titanic oder anderen Szenarien, wo simple Schwerkraft am Werk ist und die Liebenden auseinanderreißt.